Auf der Tonspur der Geschichte

Unser neuer Podcast führt musikalisch durch die Bundesrepublik

Liebe Leser*innen,

Helmut Schmidt sagte einmal, in der Musik habe sich seine Seele erholt. Dass er damit nicht jedes Genre und jede Spielart meinte, können Sie im heutigen Schmidtletter von Merle Strunk und Hendrik Heetlage nachlesen. Die beiden haben als Vorbereitung für unseren neuen Musik-Podcast die Nadel auf die knisternde Tonspur der Geschichte gelegt. Sie schreiten anhand musikalischer Stationen nicht nur durch Helmut Schmidts politisches Leben, sondern auch durch die Geschichte der Bundesrepublik von der Nachkriegszeit über das „Wirtschaftswunder“, die 68er-Bewegung und den „Kalten Krieg“ bis zu den Friedensprotesten in den 1980er-Jahren.

Wir verabschieden uns mit diesem Beitrag in die Sommerpause und
wünschen Ihnen mit der Lektüre eine beschwingte Zeit im Urlaub oder zu Hause.
Ihre Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung



6.000 kreischende Fans und mittendrin Helmut Schmidt. Es ist das Jahr 1966 und ganz Hamburg wird von der „Beatlemania“ erfasst. Die Beat-Band aus Liverpool war bereits zu Beginn der 1960er-Jahre Dutzende Male im berüchtigten Hamburger Star-Club aufgetreten und hatte dort die Nachkriegsjugend ins Schwitzen gebracht. Nun kehrten die Musiker als Weltstars für zwei Konzerte zurück in die Hansestadt. Auch Helmut Schmidt, zu dem Zeitpunkt vom Amt des Hamburger Innensenators zurück in die Bundespolitik gewechselt, war mit Frau Loki und Tochter Susanne bei dem Spektakel dabei. Besonders mitgerissen zu haben scheint ihn der Auftritt aber nicht: Ein Foto zeigt Schmidt mit geschlossenen Augen und ausdrucksarmer Mimik. Trotzdem, gemocht habe er die vier Pilzköpfe schon, wie er Jahrzehnte später in einem Interview erzählt.

Hüftschwung statt Dorfmusik

Für viele im Publikum der Hamburger Ernst-Merck-Halle ging es bei dem Konzert jedoch um weitaus mehr als nur um individuellen Musikgeschmack. Es war eine Rebellion gegen die Elterngeneration, ein Loslösen von den als bleiern empfundenen Nachkriegsjahren, ein Blick hinaus in die Welt. Passenderweise warb auch der Star-Club um sein junges Publikum mit dem verheißungsvollen Slogan „Die Not hat ein Ende. Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei“. Dies richtete sich vor allem gegen Schlagermusik und Heimatlieder, die dominanten Musikrichtungen der frühen Nachkriegszeit.

Für weite Teile der Elterngeneration war sie in diesen Jahren Fluchtpunkt und eine sehnsüchtig herbeigeträumte heile Welt, für immer mehr Jugendliche hingegen unerträglich bieder. Sie orientierten sich zunehmend an Trends aus Großbritannien und den USA, hörten Rock’n’Roll oder tanzten Twist. Wirken die hüftschwingenden Teenager in der Rückschau doch recht harmlos im Vergleich zu dem, was auf die Bundesrepublik noch an Jugendbewegungen zukommen sollte, waren sie mit den erkämpften Freiheiten und ihrer plötzlich wahrnehmbaren Stimme doch auch ein Vorgeschmack auf die 68er-Bewegung. Diese wiederum konnte sich im (west-)deutschen kulturellen Gedächtnis mit ihrer ganz eigenen Soundkulisse verankern: Daher bilden „Ho-Chi-Minh“-Sprechchöre, Gitarrenriffs von Jimi Hendrix und die akustischen Klänge für uns heute den Soundtrack dieser Jahre.

Ein Ohr an die Tonspur der deutschen Geschichte gelegt, wird schnell deutlich: Musik hat neben der künstlerischen und kommerziellen immer eine politische Seite. Das gilt für Friedens- und Protestlieder genauso wie für Popmusik, aber auch für jeden Schlager oder Karnevalshit.

Lebenslange Leidenschaft

Die Geschichte von Musik und Politik sind oft auf ganz verschiedene Weise miteinander verwoben. Ein Blick auf das Leben von Helmut Schmidt offenbart einige dieser Knotenpunkte. Zwar bewegte er sich nicht immer so unmittelbar im Epizentrum der Pop-Geschichte wie bei dem ohrenbetäubenden Geschrei während der Bravo-Beatles-Blitztournee im Jahr 1966, doch mit seinen fast 97 Lebensjahren war er Zeuge wie Akteur der großen gesellschaftlichen Bewegungen und Umbrüche dieser Zeit, die alle mit ihrem eigenen Sound daherkamen. Schmidt blieb Vieles suspekt, wie die bunte und laute Friedensbewegung mit ihren oft musikalisch untermalten Protestkundgebungen, und auch mit Rockmusik konnte er sich nie anfreunden.

Doch seine eigene Biografie zeigt, welche gewichtige Rolle der Musik zukommen kann und welche große emotionale Kraft sie besitzt. Bereits als Kind lernte er Klavierspielen und behielt diese Leidenschaft bis ins hohe Alter. Auch als er kaum noch etwas hören konnte, setzte Schmidt sich regelmäßig zum Spielen an seinen Flügel. Schon in Kriegszeiten opferte er fünf Mark im Monat von seinem schmalen Wehrmachtssold für ein Mietklavier. Nach dem Zweiten Weltkrieg genoss er die Freiheit, amerikanischen Jazz zu hören, der in der NS-Zeit geächtet gewesen war. In der Musik, sagte Schmidt einmal in Anlehnung an seinen Lieblingskomponisten Johann Sebastian Bach, habe sich seine Seele erholt.

Das Knistern der Vergangenheit

Für uns Gründe genug, uns der Geschichte der Bundesrepublik auf musikalische Weise zu nähern. Im neuen Podcast der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung legen wir die Nadel auf die knisternde Tonspur der Geschichte. Mit offenen Ohren streifen wir durch die Vergangenheit und immer wieder auch durch das lange (musikalische) Leben von Helmut Schmidt. Wir widmen uns den Sehnsüchten der Nachkriegszeit, fahren mit Rudi Schuricke zu den Capri-Fischern, wünschen uns „Würstchen mit Salat“ und fragen dabei: „Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?“. Wir begleiten Helmut Schmidt durch seine politische Karriere und beobachten, welchen Einfluss zum Beispiel das „Wirtschaftswunder“, die Neuen Sozialen Bewegungen oder der „Kalte Krieg“ auf die Musik hatten und wie die Musik wiederum die Gesellschaft prägte. Musik macht die Geschichte dichter, reicher und auf jeden Fall unterhaltsamer. Wir laden Sie herzlich ein, uns dabei zu begleiten.

Hier geht es zum Podcast.

Beim Auftritt der Beatles 1966 in der Ernst-Merck-Halle in Hamburg sitzen Helmut, Loki und Susanne Schmidt im Publikum, doch niemand der drei scheint besonderen Spaß zu haben.

© Conti Press/Keystone

Helmut Schmidt, großer Musikliebhaber, spielte selbst leidenschaftlich gern Klavier. Diese Aufnahme zeigt ihn im Kanzlerbungalow in Bonn am 15. März 1976.

© Bundesregierung/Engelbert Reineke

Hendrik Heetlage und Merle Strunk nehmen Sie in unserem neuen Podcast mit auf eine musikalische Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik.

© BKHS/Michael Zapf

Autor: Hendrik Heetlage, M.A.

Hendrik Heetlage ist Historiker, bis Ende des Jahres 2021 war er Mitarbeiter im Bereich Ausstellung und Geschichte bei der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Seine Schwerpunkte sind die (deutsche) Zeitgeschichte und die Geschichte des modernen Chinas. Neben Ausstellungsprojekten beschäftigt er sich mit Geschichte und Geschichtsvermittlung im digitalen Raum.

Autorin: Merle Strunk, M.A.

Referentin für Bildung und Vermittlung

Merle Strunk, M.A., ist Historikerin mit dem Schwerpunkt der Wissensvermittlung in Museen. Sie war in verschiedenen Einrichtungen an Ausstellungs- und Publikationsprojekten beteiligt, darunter im Museum der Arbeit. Als Geschichtsvermittlerin beschäftigt sie sich in der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung damit, Brücken zwischen historischen Ereignissen und der Gegenwart zu schlagen. Daneben arbeitet sie zu Fragen der visual und public history.

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