Loki Schmidt fotografiert blühende Pflanzen

„Ich habe den Namen meines Mannes schamlos ausgenutzt“

Ein Schotterweg führt das letzte Stück von der Hauptstraße runter zum Brahmsee. Am Ende dieser Sackgasse steht das frühere Ferienhaus von Helmut und Hannelore „Loki“ Schmidt – kaum größer als eine Schrebergartenlaube. Direkt daneben: ein knorriger, tief in sich verschlungener Wald – Lokis Urwald. Als brachliegenden Acker erwarben die Schmidts 1986 die etwa sieben Hektar große Fläche. Hier habe sie ein botanisches Experiment gewagt, erinnert sich die beliebte Hamburgerin in einem Interview. Sie habe den Boden sich selbst überlassen und beobachtet, wie die Natur sich das Grundstück zu eigen machte, welche Gewächse keimten und wie Blumen sich entfalteten. Durch ihren Einsatz entstand aus der Brache wieder ein Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Als „eine Pionierleistung des wissenschaftlich fundierten Naturschutzes“ würdigte die Deutsche Botanische Gesellschaft Loki Schmidts Urwald-Projekt und nannte sie eine Wegbereiterin des Natur- und Artenschutzes in Deutschland. Gerne hätte sie schon als junge Frau Biologie studiert und wäre Forscherin geworden, so die resolute Botanikerin, aber die Studiengebühren habe sie sich damals nicht leisten können und so entschied sie sich für ein Lehramtsstudium – aber ihre eigentliche Lebensaufgabe lag noch vor ihr.

„Ich habe den Namen meines Mannes schamlos ausgenutzt“

Als Ehefrau des Bundeskanzlers nahm Loki Schmidt zwischen 1974 und 1982 protokollarische Aufgaben wahr, engagierte sich aber zunehmend auch für den Pflanzen- und Naturschutz. In dieser Zeit rief sie das Kuratorium zum Schutze gefährdeter Pflanzen ins Leben, das wenige Jahre später in eine Stiftung überging: die heutige Loki Schmidt-Stiftung. Demonstrativ setzte sie hierbei die prominente Person ihres Mannes ein. Sie habe bereits früh über diese Themen geredet, erinnert sich Loki in einem Interview, aber wer habe denn auf eine kleine Lehrerin Schmidt aus Hamburg gehört? Niemand. „Ich habe den Namen meines Mannes schamlos ausgenutzt“, bekannte sie verschmitzt.

Schon als kleines Mädchen war sie von Pflanzen fasziniert. Die Sehnsucht nach ihnen und die Sorge um bedrohte Arten wurden Loki Schmidts lebenslange Begleiter. Sie führten sie quer durch Deutschland, sogar rund um die Welt. Sie reiste in die Überschwemmungswälder des Amazonas und an den Nakuru-See in Kenia, staunte über die Artenvielfalt auf Borneo und die tropischen Wälder von Ecuador und entdeckte 1985 in Mexiko ein bis dahin unbekanntes Ananasgewächs, das ihren Namen erhielt: Pitcairnia loki-schmidtiae. Später folgten noch eine Bromelie (Puya loki-schmidtiae), ein Balsaminengewächs (Impatiens loki-schmidtiae), ein venezolanisches Rosengewächs (Lachemilla loki-schmidtiae) und eine Skorpionart (Tityus lokiae). 1991 dann die Weltsensation: Die autodidaktische Botanikerin sammelte auf ihrer Forschungsreise in Neukaledonien die äußerst seltene Strasburgeria robusta, eine immergrüne Baumart, und übergibt sie dem Botanischen Garten in Bonn.

Loki Schmidt etablierte in Deutschland Gendatenbanken für bedrohte Pflanzenarten und rief den internationalen Gärtneraustausch ins Leben. Sie war eine der ersten Umweltschützerinnen der neuen Bonner Republik zu einer Zeit, als es noch keine Grünen-Partei und kein Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz gab. Der anfängliche Hohn über „Blümchen-Loki“ wich schnell dem Respekt für eine anerkannte Botanikerin. Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Klimawandel spielten für Loki Schmidt dabei keine Rolle. Es ging ihr stets um den effektivsten, den direkten Naturschutz – und genau das ist ihr bedeutsamer Beitrag gewesen.

Endlich Biologie studieren

1986 erfüllte sich für Loki Schmidt ein Lebenstraum – endlich konnte sie Biologie studieren. Kurz zuvor lernte sie Wilhelm Barthlott, Professor für Botanik und Leiter des Botanischen Gartens in Bonn, kennen, mit dem sie sich fortan regelmäßig austauschte. Eines Tages luden Barthlotts Studierende die prominente Hamburgerin ein, an ihrem Uni-Seminar teilzunehmen. Loki nahm zur Überraschung und Begeisterung aller die Einladung mit großer Freude an und besuchte von nun an so oft es nur ging Vorlesungen und Seminare, unter anderem zur „Vegetation der Erde“ und zur „Systematik der Blütenpflanzen“. Über einen Korridor im Keller wurde sie in den Hörsaal geschleust, stets aber ohne Personenschutz, erinnert sich Wilhelm Barthlott. Mitten unter den „anderen“ Studierenden sitzend, ergaben sich im Anschluss mit ihr stundenlange Gespräche, bei denen sich zeigte, dass Loki Schmidt ein unglaubliches Fachwissen hatte, so der Botaniker weiter. „Sie wusste, was sie wollte, und stand nie im Schatten ihres Mannes.“

„Mein Leben hätte für fünf gereicht“

Loki Schmidt setzte sich bis zu ihrem Lebensende für Umweltthemen ein. Für ihr Engagement, ihren Verdienst und unermüdlichen Einsatz in allen Bereichen des wissenschaftlichen und praktischen Naturschutzes wurde sie mit vielzähligen Preisen und Auszeichnungen geehrt. Das Wichtigste aber blieb für sie die Aufklärung der Menschen und die Gespräche mit ihnen. Noch im Alter von 90 Jahren schrieb sie zusammen mit dem Biologen Lothar Frenz das „Naturbuch für Neugierige“ und regte die Leser*innen an, mit wachen Augen die Umwelt vor der Haustür zu entdecken – denn Naturschutz beginnt zu Hause!

Ihre notorische naturwissenschaftliche Neugier bewahrte Loki Schmidt sich bis zum Ende ihres Lebens. Selbst der bevorstehende Tod ängstigte sie nicht, sondern ließ sie mit einer unglaublichen Distanz unter wissenschaftlichen Aspekten und ohne jeden Wehmut über das Älterwerden reflektieren. Ihr Leben, resümierte Loki im hohen Alter, habe für fünf gereicht – „geblieben ist eine große Dankbarkeit für all das, was ich gesehen habe!“

Info

Loki Schmidts Nachlass, der ebenfalls im Helmut Schmidt-Archiv in Hamburg-Langenhorn bewahrt wird, umfasst ihre eigenen Arbeiten, private Korrespondenzen und Unterlagen aus ihrer Arbeit als Naturschützerin. Die von ihr angelegten „Reisekisten“ dokumentieren ihre Forschungsreisen als autodidaktische Biologin und geben einen tiefen Einblick in die Geschichte des Naturschutzes und dessen globalen Verflechtungen. Bis heute ist Loki Schmidts Rolle für die Entwicklung des deutschen Naturschutzes nicht wissenschaftlich aufgearbeitet worden.

Foto Mitarbeiter:in

Autorin

Franziska ZollwegWissenschaftliche Leiterin des Korrespondenzprojekts

Franziska leitet das Korrespondenzprojekt im Helmut Schmidt-Archiv, wo sie die archivwissenschaftliche Erschließung und Verzeichnung des beeindruckenden Briefbestandes mit Fragen der Langzeitarchivierung und historisch-politischen Bildung verbindet.

 

Sie studierte Germanistik, Europäische Geschichte und Geschichtswissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und der Universität Hamburg. Seit 2017 ist sie bei der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, wo sie zuvor das Projekt „60 Jahre Sturmflut“ betreute.