Jung. Digital. Engagiert?

Eine Studie zum politischen Informationsverhalten und Engagement junger Menschen in Deutschland

Zu den Themen:DemokratieJugend

Autor*innen: Tobias Spöri, Nina-Kathrin Wienkoop, Christine Hübner, Jan Eichhorn

Die Zeiten der Null-Bock-Generation sind längst vorbei. Jugendliche haben großes Interesse an Politik. Aber fast drei Viertel der unter 25-Jährigen fühlen sich in politischen Fragen nicht gehört. Dabei kennen sie sich gut aus. Ein Drittel der Jugendlichen informiert sich täglich über politische Themen. Auch wenn sie sich bei YouTube, Instagram oder TikTok tummeln, so nutzen sie doch etablierte Nachrichtenformate von Agenturen, Tageszeitungen und der Tagesschau. Soziale Medien ebnen den Weg zu klassischen Medien. Das ist das Ergebnis der Studie „Jung. Digital. Engagiert?“, die die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und der Berliner Think Tank für politische Partizipation d|part politischen Entscheidungsträger*innen am 19. Juli vorstellten.

Download der Studie

Ziel des einjährigen Forschungsprojekts, das im Europäischen Jahr der Jugend 2022 abgeschlossen wurde, war es, ein vertieftes Verständnis davon zu bekommen, wie sich junge Menschen in Deutschland über Politik informieren und wie sich ihr Informationsverhalten auf ihr politisches Engagement auswirkt. Dazu wurden repräsentative Studien ausgewertet, acht Fokusgruppen mit Teilnehmenden im Alter von 16 bis 24 Jahren organisiert und Interviews mit Politiker*innen aus dem Bundestag und aus fünf Landtagen geführt.

Die Ergebnisse der Studie sind überraschend. Dass junge Menschen unpolitisch seien, erweist sich als Trugschluss. Nicht nur die als „Jugendthemen“ charakterisierten Politikfelder Klima- und Umweltschutz, Bildung und Digitalisierung sind ihnen wichtig. Junge Menschen nehmen eine Vielzahl politischer Probleme wahr und interessieren sich für Sozial- und Außenpolitik. Sie beschäftigen sich mit Fragen wie Kinderarmut, Infrastruktur und Renten. 

Obwohl das Interesse breit gefächert ist, scheint es politischen Akteur*innen nicht zu gelingen, junge Menschen adäquat anzusprechen. Dies liegt daran, dass vielen Politiker*innen der konkrete Zugang zu den sozialen Medien fehlt, die zu den wichtigsten Informationsquellen für junge Menschen geworden sind. Die um die Jahrtausendwende geborenen Mitglieder der Generation Z, die auch als „Digital Natives 2.0“ bezeichnet werden, nutzen überwiegend Online-Zeitungen, TV-Nachrichten per App und Google. Gedruckte Zeitungen oder lineare Fernsehnachrichten sind hingegen out, es sei denn die Inhalte werden online oder über Social-Media-Kanäle ausgespielt. „Inzwischen gucke ich kein Fernsehen mehr und ich finde es viel entspannter auf Social Media, einfach herunter zu scrollen, da kann man sich die Themen nur angucken, die einen auch interessieren“, berichtet der 16-jährige Ali den Forscher*innen.

In den Diskussionsrunden gaben viele junge Menschen an, dass sie kaum Kanäle von politischen Parteien oder Politiker*innen abonniert haben. „Das Problem ist, dass die Generation von Politikern nicht wirklich auf Social Media ist“, meint Lina (21). Deutlich wird in den Interviews auch, dass viele junge Menschen bei den digitalen Auftritten von Politiker*innen und Parteien erwarten, dass sie dort auf faktenbasierte Positionen stoßen, die professionell kommuniziert werden. Das bedeutet auch, dass sich Politiker*innen mit Hashtags, Musik-Jingles und den medienspezifischen Aspekten auskennen sollten. Gerade in den sozialen Medien sehen es viele junge Menschen kritisch, wenn Politiker*innen Trends auf Instagram oder TikTok übernehmen wollen, aber daran scheitern. Agenturen oder professionelle Medienberater*innen sind aber keine Lösung, junge Menschen erwarten von Politiker*innen authentische Kommunikation. Ihnen ist es wichtig, dass Politiker*innen beweisen, dass sie die Kanäle (und damit die Lebensrealitäten junger Menschen) verstehen. Auf diese Weise gelinge es Politiker*innen auch, sich nahbar zu machen und jungen Menschen respektvoll zu begegnen.

Peinlich finden es Jugendliche, wenn sich Politiker*innen der Jugendsprache bedienen. „Das Problem ist, wenn ältere Menschen versuchen, sich an die Generation anzupassen, dann hat das sehr viel von Fremdscham“, sagt Lina.

„Die Bereitschaft für einen besseren Austausch mit jungen Menschen ist durchaus vorhanden“, stellen die Forscher*innen von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung und d|part nach den Interviews mit Abgeordneten fest. Politiker*innen und Parteien sollten sich in der politischen Kommunikation aber stärker an die Lebensrealitäten und an das Informationsverhalten junger Menschen anpassen und einen größeren Schritt auf sie zu machen, lautet ihr Fazit.



Am 7. September 2021 stellten wir gemeinsam mit d|part erste Einblicke in das Forschungsprojekt vor: Basierend auf der statistischen Auswertung gängiger Datensätze und deren Kopplung mit geführten Fokusgruppen, wurden Erkenntnisse gewonnen, die ein differenziertes Bild auf junge Menschen von heute werfen. Lesen Sie hier den BKHS-Blickwinkel.

Autorin: Dr. Nina-Kathrin Wienkoop

Programmleitung „Demokratie und Gesellschaft“

Neben Ihrer Tätigkeit als Programmlinienleitung ist Dr. Nina-Kathrin Wienkoop am Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung sowie am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung assoziiert. Bei Letzterem leitete sie zuvor ein Forschungsprojekt zu Teilhabe im Jugendengagement. Sie publiziert, berät, forscht und lehrt zu Themen wie der Resilienz von Demokratien, in- und ausländischer Demokratieförderung, Jugendengagement, gewaltlosem Widerstand, Vielfalt und Protesten, Debattenkultur sowie diversitätsbewusster Organisationsentwicklung der Zivilgesellschaft.

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